Ärzteschaft: Alkohol

Genderaspekte

Aufgrund der spezifischen Physiologie mit einem geringeren Körpergewicht, einem niedrigeren Körperwassergehalt sowie einer verzögerten Elimination des Alkohols wirken äquivalente Trinkmengen bei Frauen stärker als bei Männern. Dies ist messbar in einer höheren Blutalkoholkonzentration und in einem schneller einsetzenden Gefühl der Intoxikation bei gleichen Trinkmengen. Die erhöhte Sensibilität gegenüber der Wirkung, aber auch gegenüber den Nebenwirkungen des Alkohols gilt als ein wesentlicher Schutzfaktor für die Entwicklung der Alkoholabhängigkeit bei Frauen und erklärt zum Teil die geringeren Konsummengen und Konsumfrequenzen beim weiblichen Geschlecht (Bobrova et al. 2010).

Demgegenüber entwickeln Frauen als Folge der geschlechtsspezifischen Unterschiede bei einem problematischen Alkoholkonsum signifikant schneller die Symptome der Abhängigkeit oder Folgeschäden durch den Konsum in Form von Leberzirrhose oder Hirnatrophie. Dies wird darauf zurückgeführt, dass es bei Frauen im Vergleich zu Männern durch einen schnelleren oxidativen Abbau des Alkohols zu einem erhöhten Anstieg des toxisch wirkenden Abbauproduktes Acetaldehyd und damit zu einer schnelleren Störung in den weiblichen Organsystemen kommt.

Risikofaktoren unter den persönlichkeitsdeterminierenden Faktoren können auch zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Entwicklung der Alkoholabhängigkeit beitragen. Beispielsweise sind eine Impulskontrollstörung, Störungen im Sozialverhalten oder aggressive Verhaltensweisen vornehmlich bei Männern mit einem häufigeren Alkoholkonsum und mit höheren Trinkmengen vergesellschaftet. Darüber hinaus nutzen häufiger Männer Alkohol als Coping-(Ausgleichs-)Strategie für die Stress- und Spannungsregulation. Demgegenüber führen weitere psychiatrische Symptome wie z. B. Depressionen oder Traumatisierungen häufiger bei Frauen zu einem erhöhten Alkoholkonsum als bei Männern.

Der problematische Alkoholkonsum, insbesondere das Rauschtrinken von Frauen ist stärker tabuisiert als jener der Männer, bei denen das «soziale Trinken» in der Öffentlichkeit eher toleriert wird. Dementsprechend trinken Frauen häufig heimlich und suchen eher später Hilfe, erst dann, wenn die Defizite durch den problematischen Alkoholkonsum bereits fortgeschritten sind. Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass neben den physiologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen die geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen wesentliche Risikofaktoren für die Entwicklung der Alkoholabhängigkeit darstellen (Kessler et al. 2012).

Quellen

  • Bobrova N, West R, Malyutina D, Malyutina S, Bobak M. Gender differences in drinking practices in middle aged and older Russians. Alcohol and alcoholism 2010; 45: 573-80.
  • Kessler D, Salis Gross C, Koller S, Haug S. Exploration erfolgversprechender Massnahmen zur Reduktion des problematischen Alkoholkonsums bei älteren Menschen in der Schweiz. Zürich: ISGF; 2012.

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