Ärzteschaft: Medikamente

Behandlung

Grundsätzliche Überlegungen

Der Entzug bei einer Abhängigkeit von Benzodiazepine und Analoga (BZDA) hat im Vergleich mit anderen Suchtmittelabhängigkeiten die höchsten Erfolgschancen. Eine spontane Remission bei Langzeitkonsumierenden ist dagegen sehr selten. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass auch bei älteren Menschen ein Entzug von BZDA möglich ist. BZDA sollten nie schlagartig abgesetzt werden, da mit teils schweren Entzugserscheinungen zu rechnen ist, die mitunter bei älteren Patientinnen und Patienten gravierende Folgen haben können. Mit dem Absetzen der Medikamente sollen Nebenwirkungen der Langzeiteinnahme bzw. von Abhängigkeitserkrankungen vermieden werden. Meistens geht es den Patientinnen und Patienten nach dem Absetzen besser als vorher. Allerdings schwören auch viele ältere Patientinnen und Patienten auf die Wirkung der BZDA und weisen ihnen teils unrealistische Eigenschaften zu. Nebenwirkungen werden bestritten oder heruntergespielt und Absetzversuchen wird mit ablehnender Haltung gegenübergetreten.

Vorgehensweise

Entscheidend ist, die Patientinnen und Patienten nicht in konfrontativer Weise anzugehen, Begriffe aus dem Suchtbereich wenn möglich zu vermeiden und auf die «Nebenwirkungen des Medikaments» hinzuweisen, bzw. deren nachlassende Wirkung (Toleranzentwicklung) hervorzuheben, welche sich insbesondere auch erst im Verlauf einer länger dauernden Einnahme entwickeln kann (vgl. Holzbach 2010). Für die Beurteilung der «Nebenwirkungen» eignet sich beispielswiese der Lippestädter Benzo-Check sehr gut. Gemäss Holzbach (2010) ist die Bereitschaft, einen Ausschleichversuch zu wagen, oftmals sehr gut vorhanden, wenn die Betroffenen erkennen, dass ein Teil ihrer aktuellen Beschwerden durch die Medikamenteneinnahme (bzw. deren Nebenwirkungen) verursacht sein könnte. Für das Patientengespräch können weiter die Hinweise der deutschen Bundesärztekammer zur Behandlung von Patienten mit schädlichem Medikamentengebrauch oder Medikamentenabhängigkeit hilfreich sein.

  • Legen Sie Ihre Eindrücke und Überlegungen offen
  • Vermeiden Sie Vorwürfe
  • Zeigen Sie Verständnis für die Beschwerden und Probleme, welche dem Missbrauch zugrunde liegen
  • Signalisieren Sie Bereitschaft, die Ursache des Medikamentenkonsums gemeinsam anzugehen.
  • Entwickeln Sie mit Ihrem Patienten ein gemeinsames Problemverständnis
  • Gehen Sie lösungsorientiert und in vereinbarten Teilschritten vor
  • Vereinbaren Sie Folgetermine
  • Kontaktieren Sie und/oder informieren Sie über weiterführende Hilfseinrichtungen bzw. Selbsthilfegruppen

Mehrere Metaanalysen haben untersucht, welche Vorgehensweise sich beim Absetzversuch bewährt hat. Ein multidisziplinärer Ansatz (Psychotherapie unter Einbezug der Ärztin/des Arztes) scheint demnach effektiver zu sein als eine psychotherapeutische Behandlung alleine (Del Giorno R 2017). Sowohl in der Literatur, als auch in der Praxis finden sich verschiedene Vorgehensweisen (z. B. bez. Zeitraum, Halbwertszeit des verabreichten BZDA, etc.). Exemplarisch wird hier die Methode nach Holzbach erwähnt sowie auf fosumos.ch verwiesen. Unterstützung kann auch bei spezialisierten psychiatrischen Institutionen erfragt werden (z. B. Psychiatrische Universitätskliniken).

Weiterführende Überlegungen und Alternativen

Wichtig bei der Behandlung ist vor allem, die Ursache des Medikamentenmissbrauchs zu berücksichtigen und miteinzubeziehen. Liegt eine depressive Symptomatik oder ein Restless-Leg-Syndrom vor? Gibt es somatische oder andere psychische Faktoren, welche der ursprünglichen Verschreibung zugrunde liegen? Bei Schlafstörungen: Sind die Schlafstörungen subjektiv oder klinisch relevant? Bereits die Aufklärung über die mögliche Veränderung des Schlafs beim Älterwerden oder einfach schlafhygienische Massnahmen können Abhilfe schaffen (z. B. Minimierung von aktivierenden Stoffen, genügend Bewegung im Alltag, optimale Schlafzimmertemperatur, keine Zeitanzeige (Wecker) im Raum, Verzicht auf schwere Abendmahlzeiten, kein Alkohol als Einschlafhilfe, erst ins Bett gehen, wenn man müde ist, immer um die gleiche Zeit aufstehen, etc.). Bei Unsicherheiten oder Persistieren der vorhandenen Beschwerden, empfehlen sich schlafmedizinische Abklärungen.

Wird eine Behandlung mit dem Ziel der Dosisreduktion oder der Abstinenz angestrebt, sollten entsprechende alternative bzw. flankierende Behandlungsmethoden angeboten werden. Bei psychischen Störungen sollten systematisch kognitive Verhaltenstherapien in Betracht gezogen und der Zugang zu diesen erleichtert werden (z. B. durch eine direkte Überweisung). Als Alternativen zum BZDA-Konsum bei älteren Menschen haben sich in der Klinik u.a. folgende Massnahmen bewährt (Berthel 2018):

  • Entspannungsmethoden
  • Phytopharmaka (z. B. Redormin, Relaxane, Baldrian etc.)
  • Bei Schlafstörungen mit zusätzlicher depressiver Symptomatik: Trazodon (Trittico), Mirtazapine (Remeron)

Quellen

  • Berthel, T. Benzodiazepine. Von der Reduktion bis zum Entzug – Erfahrungen aus der Klinik. Zürich; Symposium Zeller Medical, 15.6.2018.
  • Del Giorno R, Ceschi A, Gabutti L, Benzodiazepine bei älteren Menschen, Schweizerisches Medizin-Forum 2017; 17: 176-178.
  • Deutsche Haupstelle für Suchtfragen. Medikamente und Sucht. http://www.medikamente-und-sucht.de, Zugriff 12.09.2018.
  • Forum Suchtmedizin Ostschweiz (FOSUMOS). https://www.fosumos.ch, Zugriff 12.09.2018.
  • Wolter DK, Benzodiazepine im Alter. Sucht 2017; 63(2): 81-97.

Informationen für Ärzteschaft

Rat und Hilfe

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