Ärzteschaft: Medikamente

Risiken von Medikamenten im Alter

Benzodiazepine und Analoga (Non-Benzodiazepine) im Alter – ein unterschätztes Problem?

Benzodiazepine (z. B. Dormicum, Temesta, Valium) und Analoga, sogenannte Z-Medikamente oder Z-Drugs (z. B. Stilnox) sind in der Regel gut wirksame und verträgliche Medikamente, mit unbestrittenem Nutzen in verschiedenen Handlungsfeldern, wie der psychiatrischen Krisenintervention oder der Einleitung von Anästhesien im Vorfeld von chirurgischen Eingriffen und anderen mehr. Gleichzeitig stellen sie nach wie vor das Hauptproblem bei Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit dar. Dies obwohl sie gemäss ärztlicher Richtlinien für den kurzfristigen Gebrauch vorgesehen sind.

Gut in der Literatur belegt ist ein hohes Abhängigkeitspotential, insbesondere wenn die Medikamente länger als vier Wochen und in hoher Dosis verabreicht werden. Neben der Toleranzentwicklung ist die Gefahr der Abhängigkeit der Hauptgrund für die kurze Einnahmedauer, welche in einschlägigen Leitlinien empfohlen wird. Daneben sei das Phänomen der Niedrig-Dosis-Abhängigkeit erwähnt, deren Problematik in der Fachwelt letztlich umstritten bleibt, obwohl sie von Suchtmedizinern mehrfach umfassend dokumentiert worden ist.

Problematisch ist vor allem der Langzeitgebrauch, da die BZDA stark abhängig machen können und diverse Nebenwirkungen aufweisen, die u.a. das Sturzrisiko deutlich erhöhen, kognitive und motorische Einbussen nach sich ziehen und zu einer Affektverflachung führen können. Wie auch beim Alkohol ist bei BZDA ausserdem bekannt, dass sie im älteren Körper stärkere und länger andauernde Wirkungen entfalten können (vgl. z. B. Sing 2016). Dies kann insbesondere zu einer Akkumulation der Medikamentenmenge im Blutspiegel führen und dadurch eine verdeckte Überdosierung nach sich ziehen.

Besonders häufig und gleichzeitig problematisch ist der Einsatz als schlaffördernde Medikamente, da eine solche Verschreibung leicht in einen Langzeitgebrauch münden kann. Zudem ist der Nutzen von BZDA als Schlafmittel kritisch zu hinterfragen, da Langzeiteffekte in der Literatur teils mit gegenläufigen Wirkungen beschrieben werden. So zeigte eine Studie mit Altersbewohnerinnen und -Bewohnern in Belgien, dass sich der Nachtschlaf mit BZDA über die Dauer von einem Jahr verschlechterte und am Ende eine schlechtere Qualität (gemessen mit dem Pittsburger Sleep Quality Index [PSQI]) auswies, als derjenige von Bewohnerinnen und Bewohnern ohne Schlafmittel (Bourgeois 2014a). Eine andere Studie ergab, dass ältere Menschen bei einer Langzeitbehandlung mit Zolpidem nicht besser schlafen als Kontrollgruppen ohne diese Medikamente (Sivertsen 2009).

Schliesslich kommen zahlreiche Studien, u.a. eine Übersichtsarbeit von Brewster (2018) zum Schluss, dass eine spezifische kognitive Verhaltenstherapie (CBT) dem Einsatz von schlaffördernden Medikamenten zur Langzeitbehandlung von Schlafproblemen deutlich überlegen ist. Aufgrund der ernsten Nebenwirkungen ist spezifisch bei älteren Patientinnen und Patienten beim Einsatz von BZDA als Schlafmittel erster Wahl abzuraten (vgl. dazu z. B. Schweizerische Fachgesellschaft für Geriatrie). Geriatrische Listen, wie z. B. die Priscus-Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen geben weitere Anhaltspunkte für einen möglichst risikoarmen Einsatz von BZDA.

Quellen

  • Bourgeois J, Elseviers MM, Van Bortel L, Petrovic M, Vander Stichele RH. One-year evolution of sleep quality in older users of benzodiazepines: a longitudinal cohort study in Belgian nursing home residents. Drugs Aging 2014; 31: 677–682.
  • Brewster GS, Riegel B, Gehrman PR. Insomnia in Older Adult. Sleep Medicine Clinics 2018; 13: 13-19.
  • Sing S, Sarkar S. Benzodiazepine abuse among the elderly, Journal of Geriatric Mental Health 2016; 3: 123-130.
  • Sivertsen B, Omvik S, Pallesen S, Nordhus IH & Bjorvatn B. Sleep and sleep disorders in chronic users of zopiclone and drug-free insomniacs. Journal of Clinical Sleep Medicine 2009; 5: 349–354.

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