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Bei der Alkoholabhängigkeit werden die meisten Medikamente zur Linderung von Entzugssymptomen oder zur Aufrechterhaltung der Abstinenz als Ergänzung zu psychotherapeutischen Interventionen eingesetzt. Darüber hinaus werden auch begleitende psychiatrische Störungen (sogenannte Komorbiditäten), wie beispielsweise depressive Episoden, Angst- oder Schlafstörungen mit psychotrop wirksamen Medikamenten behandelt. Die meisten Anwendungsuntersuchungen der Medikamente schliessen Menschen bis zum 60. bzw. 65. Lebensjahr ein, sodass die unten aufgeführten Angaben bis zu diesem Alter grundsätzlich gelten. Erschwerend bei der Pharmakotherapie der Suchterkrankung bei älteren Menschen sind auch die Mehrfachverschreibungen und somit die Interaktionen von Pharmakowirkungen, die berücksichtigt werden müssen (vgl. auch Alkohol und Medikamente).

Meist ist es das Verlangen nach Alkohol (Craving), welches zum Konsum bzw. zu einem Rückfall führt. Erfahrungsgemäss ist das Craving, also der Suchtdruck nach Alkohol in der ersten Zeit der Abstinenz am stärksten. Deshalb werden sogenannte Anti-Craving Substanzen eingesetzt, um die Abstinenzfähigkeit und damit die Prognose zu verbessern. Voraussetzung für den Einsatz in der Alkoholismusbehandlung ist, dass die Substanz gut verträglich ist, das Verlangen nach Alkohol und/oder die konsumierten Trinkmengen zu reduzieren oder besser noch, den Rückfall bei bestehender Abstinenz zu verhindern vermag und selbst kein Abhängigkeitspotenzial besitzt. Wichtigste Vertreter der Anti-Craving Substanzen sind Acamprosat (z. B. Campral®) und Naltrexon (z. B. Naltrexin®). Zur Verhinderung eines Alkoholrückfalls kommt darüber hinaus noch das Aversivmedikament Disulfiram (z. B. Antabus®) zum Einsatz.

Weitere Informationen zur Pharmakotherapie und zu medikamentösen Optionen in der Langzeitbehandlung, finden Sie bei Praxis Suchtmedizin Schweiz.

Disulfiram (z. B. Antabus®)

Disulfiram wird als Aversivmedikament bezeichnet, weil es den Alkoholabbau blockiert, sodass es zur Kumulation der toxischen Substanz Acetaldehyd im Körper kommt. Dies führt bei gleichzeitiger Einnahme des Medikaments und Alkoholkonsum zu Symptomen wie Hautrötung, Blutdruckabfall, Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen etc. Bei engmaschig betreuter Einnahme ist die Wirksamkeit im oben angegebenen Sinne bei entsprechend hoher Motivation gut. Grenzen sind dem Einsatz gesetzt durch die potentiell lebensbedrohlichen Nebenwirkungen bei Alkoholkonsum. Deshalb wird eine hohe Compliance der Betroffenen vorausgesetzt. Darüber hinaus sollte Disulfiram u.a. nicht eingesetzt werden bei Depressionen, Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Durchblutungsstörungen, die bei älteren Menschen häufiger auftreten als bei jüngeren. Aus diesen Gründen kann der Einsatz von Disulfiram bei über 60-jährigen nicht empfohlen werden.

Acamprosat (z.B. Campral®)

Das Medikament beeinflusst höchstwahrscheinlich die vom Gehirn über sogenannte NMDA-Rezeptoren gesteuerte erhöhte Erregbarkeit/Aktivität bei Entzug des Alkohols. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen eine positive Wirksamkeit auf die Abstinenzrate und die Anzahl der trinkfreien Tage. Unter kontinuierlicher Psychotherapie wurden bei einer Behandlungsdauer von 1 Jahr nach Abstinenz die besten Effekte erzielt.
Wesentliche Nebenwirkungen sind Durchfälle mit der Gefahr eine Dehydratation, Kopfschmerzen sowie Juckreiz. Nicht genommen werden sollte Acamprosat bei Nieren- und schwerer Leberinsuffizienz. Acamprosat gilt jedoch als grundsätzlich gut verträglich und weist ein niedriges Interaktionspotential mit anderen Pharmaka auf. Aus diesen Gründen ist Acamprosat trotz der Beschränkung der Indikation auf < 65-jährige potentiell geeignet zur Abstinenzunterstützung älterer Alkoholabhängiger.

Naltrexon (z.B. Naltrexin®)

Naltrexon ist ein sogenannter kompetitiver vornehmlich µ-Opiat-Rezeptor-Antagonist. Das Medikament hemmt die über Endorphine vermittelte positiv verstärkende Wirkung des Alkohols und wirkt dem Alkoholverlangen entgegen. Neben dem Anti-Craving-Effekt kann das Medikament auch eingesetzt werden, wenn es zu einem Trinkrückfall gekommen ist. In diesem Fall konkurriert es im Gehirn um die Bindungsstellen mit dem Alkohol, was zu einer verminderten Alkoholwirkung führt und nach zahlreichen Studien auch dazu beitragen kann, dass der Alkoholkonsum nicht weiter fortgesetzt wird oder zumindest, dass weniger Alkohol konsumiert wird, als ohne Einnahme des Medikaments. An Nebenwirkungen können u.a. Übelkeit, Erbrechen und Schwindel auftreten. Bei schweren Leberfunktionsstörungen sollte das Medikament nicht eingesetzt werden. Naltrexon scheint wegen seines insgesamt günstigen Nebenwirkungsprofils zwar zur unterstützenden Therapie der Alkoholabhängigkeit im Alter geeignet zu sein, laut Fachinformation des Herstellers gilt jedoch eine Altersbeschränkung bis 65 Jahre.

Zusammenfassung Pharmakotherapie

Insgesamt ist bei guter Verträglichkeit auch von einer guten Wirksamkeit der Anti-Craving Substanzen Acamprosat und Naltrexon bei älteren Menschen auszugehen. Die Nebenwirkungen und Kontraindikationen sind dringend zu beachten. Der Einsatz von Disulfiram ist wegen der erheblichen Risiken durch Nebenwirkungen und Kontraindikationen sehr kritisch zu sehen. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Einsatz der Medikamente im Alter stehen noch aus. Deshalb sollte die Indikation zum Einsatz und der Überwachung von einem in Suchtfragen älterer Menschen erfahrenen Facharzt gestellt und therapeutisch begleitet werden.